· 

Der Beitrag der Börse

 

Nach Krisen kommt meist jemand auf uns zu der uns erklärt, dass die Zweifel am Krisenpatienten im Grunde unbegründet sind. Mehr noch: Der Patient ist nur ausnahmsweise krank, Gerüchte seine Dysfunktion wäre grundsätzlich, müssen zerstreut werden. So tun es die Autoren des Finanzjournalistenblogs mit ihrer Freitagsfrage. Eine dieser Freitagsfrage ist, ob die Börse ein Nullsummenspiel sei. Dagegen wird  ein schlichtes Szenario gesetzt:  "Nehmen wir an, Sie kaufen eine Aktie bei 100 Euro und - weil die Firma gute Zahlen vorlegt - wollen viele Anleger die Aktie nach ihnen ebenfalls kaufen. Sprich die Nachfrage steigt und damit auch der Preis, sagen wir auf 110 Euro. Entscheiden Sie sich nun, die Aktie zu 110 Euro zu verkaufen, bleiben Ihnen zehn Euro Gewinn."

 

Diesen Vorgang soll ein Wirtschaftssystem, böse Krisen einmal ausgeschlossen, von Käufer zu Käufer wiederholen zu können, so dass jeder in der Reihe mit dem gleichen Gewinn rechnen könnte, selbst wenn die Aktie im Kreis herumgereicht würde: Das ökonomische Perpetuum Mobile ist erfunden!

 

Nun scheint es aber, dass der Gewinn der zehn Euro zum Wohlstand der Nation beigetragen hätte. Stellen wir uns hierzu eine Insel, sagen wir Lummerland vor, die sich durch eine unverrückbare Produktionsrate auszeichnet. Wird nun die magische Aktie weitergereicht, machen alle nacheinander Gewinn den sie in den Konsum investieren könnten. Der festen Warenmenge steht jetzt eine größere Geldmenge gegenüber. Für diese gibt es zwei mögliche Quellen: Die Schatztruhe im Keller oder das Buchgeld der Inselbank. In beiden Fällen bewirkt die Verschiebung des Gleichgewichts eine Preissteigerung. Im Durchschnitt haben die Inselbewohner einen Vermögenzuwachs von 10xn/(m-n), wobei n die Anzahl der Begünstigten und m die der Inselbewohner ist, von dem man aber das reaktivierte Kapital, also das Geld aus den Truhen abziehen muss. Der Nettozuwachs ist also dem ausgegebenen Buchgeld gleich.

 

Diese Größe ist in etwa proportional zur Inflation, was wiederum bedeutet, dass inflationsbereinigt der Gewinn kleiner ausfällt. Aber auch die Löhne und Gehälter verlieren an Wert. Wenn die Warenmenge konstant bleibt, muss die Inflation den Zuwachs an Geld ausgleichen. Ein lummerländischer Volkswirt allzu monetaristischer Einstellung könnte denken, die Vermögen Lummerlands wären im Schnitt gewachsen. Vermögen kann seine reale Bedeutung aber nur in angesammelter Kaufkraft haben, deren Summe sich letztlich in der Menge der angebotenen Waren erschöpft. Diese kann wiederum die Produktion nur um die Spanne üblicher Vorratshaltung übertreffen.

 

Während der durch Buchgeld subventionierten Bergfahrt der Börse gewinnen also die Spekulanten Vermögenswerte hinzu, wenn auch unter den nominellen Zuwächsen ihres Geldvermögens. Das Vermögen der übrigen wird durch die Vorgänge an der Börse abgewertet.  Nun gestehen Börsianer ein, dass nach dem Boom der Abschwung kommt, so dass man meinen könnte, die Ungerechtigkeiten des Aufschwungs würden nun ausgeglichen. Nun werden sich die Begünstigten unterschiedlich verhalten, insbesondere werden sie unterschiedliche Anteile ihrer Gewinne in Konsum, neue Aktien und Vermögenswerte wie Rentengüter und Produktionsmittel investieren. Von der Regression sind allerdings nur die Aktienwerte betroffen. Der Konsum hinterlässt keine Spuren außer gute Erinnerungen und Sodbrennen. Die Rentengüter und die Produktionsmittel bleiben allerdings und gehen als Kapital in den nächsten Zyklus ein.

 

Die Druiden des Börsenkapitalismus kontern natürlich, indem sie mein Nullwachstumsland realitätsfern geißeln: "Die Vermögen der Anteilseigner wachsen, solange das Management einer Firma gut wirtschaftet und den Wert des Unternehmens steigert. Im Übrigen ist dies ganz unabhängig davon, ob ein Unternehmen börsennotiert ist oder nicht. Je mehr Gewinn ein Unternehmen macht, desto mehr kann eine Firma reinvestieren oder als Dividende an die Aktionäre ausschütten. Die Börse ist also kein Nullsummenspiel."

 

Nun steht allerdings hier schon da, was den Wert des Unternehmens steigert, wenn auch etwas nebulös: Gutes Management. Dies ist allerdings nichts weiter als die Moderation der Produktivität. Unsere Vermögenswerte wachsen mit unserer gemeinschaftlichen Produktivität. Börsenaktivitäten verteilen dieses Surplus allenfalls um.  Die Steigerung der Produktivität ist auch über lange historische Phasen hinweg ein unzweifelhafter Segen: Lange bedeutete ein Mehr an Landwirtschaftserzeugnissen eine größere Lebensmittelsicherheit. Aber auch jenseits basaler Subsistenz bedeutete die erhöhte Güterproduktion lange eine Steigerung der Lebensqualität. Der Besitz eines Dings, seine individuelle Verfügbarkeit bedeuten Autonomie.  Ein bequemes Bett eröffnet mir die Freiheit erholsamen Schlafes. Der Besitz verschiedener Sportgeräte ermöglicht mir eine vielfältige Freizeitgestaltung.

 

Irgendwann ist allerdings der Punkt erreicht, an dem es in einer Gemeinschaft mehr Übergewichtige als Hungernde gibt, womit das Problem des Hungers nicht mehr durch eine Steigerung der Lebensmittelproduktion gelöst werden kann. Das Arsenal der Sportgeräte, die ich in meiner Freizeit benutzen kann, hat wohl eine endliche Größe, insbesondere weil ich mich irgendwann mehr mit Aufräumarbeiten als mit dem Ausüben der Sportarten beschäftigen muss. Diese Punkte der Übersättigung gehen immer einher mit der Ungleichverteilung der entsprechenden Güter. Die Börse kann nun zweierlei: Wachstum mit dem einer Aktie eingeschriebenen Kredit vorfinanzieren und - Ungleichgewichte schaffen. Der Nutzen des Wachstums ist historisch begrenzt. Seine Risiken allerdings nicht. Was kommt nach dem Wachstum, also nach der Phase, in der eine Gemeinschaft durch Wachstum Probleme lösen und Widersprüche aufheben kann?

 

Zum einen muss die Gemeinschaft beginnen die Ungerechtigkeit der Wachstumsphase auszugleichen, also Vermögen umverteilen. Zum anderen muss sie die bislang wachstumsorientierten Wirtschaftsakteure zu einer Entwicklung zu einer umfassenden Qualität von Waren und Dienstleistungen anhalten. Diese Entwicklung vollziehen auf Marktdominanz abzielende Einzelunternehmen nicht. Große Teile des Unternehmertums bilden sogar einer solchen Entwicklung reaktionär gegenüberstehende Ideologien aus, die sie uns dann in didaktisierter Form wie der Freitagsfrage verabreichen wollen. Die Umverteilung ist also nicht nur moralisch notwendig, um historisch gewachsene Ungleichgewichte auszugleichen. Sie begrenzt auch das Dominanzstreben der Einzelakteure um so Raum zu schaffen für die Entwicklung umfassender Qualität aller Produkte.

 

Die Börse ist kein Nullsummenspiel. Sie verteilt Vermögen um und beschädigt mit ihrer Gratifikation von Expansivität unser aller Entwicklungspotential.

 

 

 

Zitate aus <http://finanzjournalisten.blogspot.com/2018/09/freitagsfrage-stimmt-es-dass-der-borse.html>

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0