Die Sorge

 

Wenn Arbeit die Tätigkeit ist, in der die Sorge des Menschen um den Menschen Gestalt annimmt, lohnt es sich anzuschauen, welchen Einfluss deren verschiedene gesellschaftliche Erscheinungsformen auf die betreffenden Beziehungen nehmen. Die einfachste Beziehung scheint durch den direkten Tausch installiert. Aber sie ist wenig leistungsfähig, da ja die eine Seite zufällig überzählig haben muss, was der anderen fehlt und spiegelverkehrt ebenso. Trotz dieses grundlegenden Problems ist die Tauschbeziehung der Prototyp des Handels in den meisten ökomischen Theorien.

 

Tatsächlich gibt es aber ein Verhältnis, dass nicht nur älter als der Tauschhandel sein muss, sondern immer noch praktiziert wird. Vielleicht muss man es sogar als die Matrix ansehen, auf der alle übrigen Verhältnisse aufbauen: Die Arbeit ohne erwartete Gegenleistung. Um gleich ehrlich zu sein, braucht der selbstlos Arbeitende als sein Komplement den sorglos Genießenden. Ich will hier nicht auf Zwangsverhältnisse eingehen, in der sich der eine durch Gewalt oder ihre Androhung aneignet, was der andere erarbeitet, obwohl solche Verhältnisse die meisten uns bekannten Gesellschaftsformen und insbesondere die meiste Zeit das Geschlechterverhältnis  prägten bzw. prägen. Die Analyse solcher Zwangsverhältnisse hat nur darin ihren Sinn, eine Taktik zu ihrer Auflösung zu entwerfen. Gehen wir also von freiwilliger Arbeit aus. Z.B. deckt jemand für seine Familie den Frühstückstisch. Skeptiker würden behaupten, dass derjenige dies nur täte, weil er dafür spätere Gegenleistungen erwarte. Dies würde voraussetzen, dass die verschiedenen Haushaltstätigkeiten auf einer einheitlichen Skala bewertet würden. Dann wäre es sinnvoll zu sagen, dass dreimal Tischdecken, einmal Wäscheaufhängen als Gegenleistung erfordert. Tatsächlich werden Haushaltsmitglieder unwillig, wenn sie sich übervorteilt vorkommen. Allerdings sind die Gemeinschaften innerhalb derer diese Form der Arbeit verrichtet wird durch Asymmetrie geprägt. Prototypisch für sie ist die Familie. Bei annähernder Symmetrie verliert diese Beziehung sogar ihren Gesamtnutzen: Wenn ich in allen Verrichtungen  den Mitgliedern meiner Gemeinschaft genau ebenbürtig bin, habe ich kaum einen Nutzen bei Tätigkeiten, die für Arbeitsteilung kaum in Frage kommt. Damit habe ich eine Gemeinschaft vor mir, einen sozialen Track, der aus Kindern, jungen Erwachsenen und Alten, Frauen und Männern besteht. Diese wiederum sind groß, klein, stark, schwach, erfahren, kreativ etc.. Diese unterschiedlichen Kompetenzen korrelieren aber mit den entsprechenden Bedürfnissen, aus denen sich wiederum die Beurteilungen verschiedener Güter herleiten würden. Für die in einer Familie oder einer ähnlich verfassten Gruppe, kann es aufgrund ihrer Struktur kaum eine einheitliche Skala geben, die einer Imagination fairen Austauschs zugrunde gelegt werden könnte.

 

Aber selbst wenn ein Meister der Kalkulationstabellen, alle Skalen aller Familienmitglieder zu allen Gütern aufeinander korrelieren könnte, würden die meisten auf Gegenseitigkeit beruhenden Beziehungen durch solche Äquivalenzforderungen beschädigt. Alle menschlichen Kooperationen setzen geradezu notwendig voraus, dass die Beteiligten auf eifersüchtiges Nachzählen des Kleingeldes verzichten. Also arbeiten wir für andere Währung. Die meiste  Arbeit kann auch deswegen nicht in Äquivalenten getauscht werden, weil sie schöpferisch ist. Sie muss an die vitalen Prozesse, an Geburt, Wachstum und Vergehen, an Gründung, Aufbau und Niedergang von Firmen, Familien, Staaten, Szenen und Kulturen anknüpfen. Also muss sie etwas erschaffen, das vorher nicht da war, oder stellt die Ressourcen für einen solchen schöpferischen Akt sicher. Würde man also zu einem Zeitpunkt eine Leistung einbringen und ihr Äquivalent zu einem späteren Zeitpunkt zurückfordern, ließe man sich übervorteilen, da ja der Grundwert sich aufgrund des Wachstums vergrößert hätte. Würde man das Surplus abgreifen, würde man jene  Schöpfung ruinieren, da die Geschöpfe es schon längst in weiteres Wachstum eingebunden haben.  Überträgt man ein Modell numerischer Äquivalente auf eine umfassende Ansicht unserer Lebenswelt, gibt es kein richtiges Verhalten mehr darin. Der Einzelne hat dann nur die Wahl zwischen böse oder unwirtschaftlich.

 

Aber selbst wenn wir einmal davon ausgehen, dass ich nur den Tisch decke, um mich des Wäscheaufhängens zu entledigen, muss man sich doch eingestehen, dass mir daraus kein Wissen erwächst, wie der Tisch zu decken sei. Hierfür muss ich etwas über die Bedürfnisstruktur meiner Familienmitglieder und die gewachsene Funktion der Institution Familienfrühstück wissen. Darüber hinaus muss ich auf diesem Hintergrund eben diese Institution  so oder anders gestalten wollen. Selbst wenn ich den übrigen die Befriedigung dieses oder jenes Bedürfnisses nur vorspiegele, indem ich z.B. Sägemehl im Brot verbacke, setzt dies jene Kenntnis und einen wie auch immer verfassten Gestaltungswillen voraus. Auch bei einer Erwerbsarbeit strukturiert das vorgebliche Handlungsziel, die Gehaltserwartung nur indirekt die Handlung. Auch hier gestalte ich mit meiner Arbeit eine Gemeinschaft, z.B. eine Firma, wobei diese ihre Existenz wiederum einer Funktion für die sie umgebende Gesellschaft verdankt. Optimal wäre es, wenn der Ethos der sich aus den Beziehungen in der Firma ergibt eben dem entspricht, der sich aus dieser gesellschaftlichen Funktion entspricht. Die Frage unter welchen Umständen dies geschieht und insbesondere unter welchen Umständen beide Ethiken eklatant voneinander abweichen, ist eine drängende Frage.

 

Die Welt des Tauschs, der Markt, muss also ein Teilaspekt unseres Lebens sein, der sowohl in seinem Gültigkeitsbereich als auch in seiner Wirkmacht begrenzt werden muss. Der Markt soll die Gemeinschaften umfassen, sie aber nicht totaldurchdringen. Die Zellen der Kooperation sind in eine Matrix des Äquivalententauschs eingebettet, die ihre Funktion im Erhalt jener findet. Die erwartungslose Arbeit wiederum ist der Prototyp auch für Arbeiten, die über diese handlungsleitenden Inhalte hinaus auch den Zweck verfolgen, bezahlt zu werden.

 

Die Mindestreaktion , die dem Tischdecken  einen Sinn gäbe, wäre die Teilnahme der anderen Familienmitglieder am Frühstück. Damit wäre das Tischdecken erfolgreich. Übrigens würde dies kein kommerzieller Anbieter so sehen.  Er würde vielmehr die Mischpoche auf Zechprellerei  verklagen. Warum reicht in der Familie die bloße Teilnahme dann aus? Weil ich an einer gemeinschaftlichen Schöpfung teilnehme, in der  mein individuelles Werden und Vergehen aufgehoben ist. Mit den einzelnen Arbeiten qualifiziere ich mich nur als Partner dieses schöpferischen Prozesses. Die durch ihn gezeugte Gemeinschaft ist kein statisches Gebilde, sie besteht vielmehr aus ihrer ständigen Neuschöpfung und damit Umgestaltung. Da die Generativität ein zentrales Kennzeichen solcher Gemeinschaften ist, sind sie mit Familie ganz treffend benannt. Sie müssen sich aber nicht in der kleinbürgerlichen Kastration dieses Begriffs erschöpfen.  Oft haben in solchen Gemeinschaften Menschen eine zentrale Rolle, die selbst gar keine Nachkommen haben, den anderen aber bei deren Versorgung beistehen. Die Gemeinschaft aus Erwachsenen und Kindern, die sich in wechselndem Ungleichgewicht, also marktwirtschaftlich fortwährend ungerecht, selbst erschafft und umsorgt, ist nur der Prototyp für alle autopoethischen Gemeinschaften. Gemeinschaften, die ihre Selbstschöpfung als böse identifizieren, wie z.B. die Katharer, liquidieren sich historisch selbst. Die fehlende körperliche Generativität überträgt sich unheilbar auf die kulturelle. Wissen , Haltungen und Ideen müssen in jenem Geflecht der Fürsorge eingebettet sein um fortzuleben.

 

Nun mögen Marktapologeten einwenden, dass der Generationenvertrag  die Fürsorge ja zu einem Tauschgeschäft mache. Was meine Eltern mir Gutes getan haben, gebe ich an meine Kinder zurück. Diese Darstellung hinkt aber gewaltig. Ich als Kunde der Bäckerin würde mich demnach, sobald ich die Brötchentüte entgegengenommen habe, umdrehen und den Kaufpreis an den nächsten wartenden Kunden weiterreichen.  Dies ist nicht nur ein schlechtes Geschäftsmodell , es ist überhaupt gar keins. Aber auch während bezahlter Arbeit werden unzählige Handlungen erwartet, die nicht aufgrund eines vorab vereinbarten Preises vollbracht werden. Verlangt ein Kollege einen Locher von mir, berechne ich ihm keine Leihgebühr. Ein Arbeitnehmer,  der konsequent so verfahren würde, sähe schnell seiner Kündigung entgegen. Aber auch eine Firma, die ihre internen Arbeitsbeziehungen marktwirtschaftlich durchorganisiert, verliert als feste Organisationsform ihr Daseinsberechtigung, da die Tauschgeschäfte innerhalb oder außerhalb der Firmengrenzen sich in letzter Konsequenz nicht mehr unterscheiden. Damit würde sich die Firma auflösen. Wenn alle Firmenmitglieder eine Liste an Gründen schreiben sollten, warum die Firma existieren sollte, stünde wahrscheinlich auf jedem weit oben, dass der Befragte dort sein Geld verdiene (als Lohn, Gewinnbeteiligung o.ä.). Würden Arbeitspsychologen aber die Motive einzelner Handlungen analysieren, würde das Motiv Geld zu verdienen den lieben langen Tag kaum eine Rolle spielen. Es ist anzunehmen, dass die über den Lohn oder den Gewinn hinausgehende Motive denen aus anderen sozialen Zusammenhängen ähneln.  Der Markt scheint der Firma, wie der Familie oder anderen sozialen Systemen  in ähnlicher Weise gegenüberzustehen, wie die Natur menschlichen Gemeinschaften überhaupt. Man muss dem Markt und der Natur gleichermaßen Ressourcen abringen, die zur Gemeinschaftsbildung nötig sind. Eine Firma bezieht aber aus den Marktbeziehungen auch ihren Ethos (z.B.: Unsere Firma gibt es schon so lange, weil wir gute Möbel bauen.)

 

Innerhalb einer Gemeinschaft ergibt der Genuss der Leistung durch ein Gegenüber schon ihren Sinn.  Eine weitere Qualität erreicht die Anerkennung, wenn insbesondere bei sich wiederholenden Arbeiten das Gegenüber direkt kooperiert. Dem Arbeitenden kann die Zeit für diese Arbeit freigehalten werden, indem die Nutznießer andere Arbeiten übernehmen. Diese Formen der Anerkennung setzen voraus, dass alle eine gemeinsame Schöpfung anstreben oder dass wenigstens eine Schnittmenge der verschiedenen Vorstellungen existiert. Gleichzeitig muss die Gemeinschaft dem Einzelnen eine ihm angemessen erscheinende Bedürfnisbefriedigung ermöglichen.  Über die sich im Genuss der Früchte der Arbeit oder der Kooperation erschöpfenden Anerkennung hinaus kann der Arbeitende belohnt werden, indem ihm eine gesteigerte Bedürfnisbefriedigung ermöglicht wird.

 

Welche Funktion der Markt für die in ihn eingebetteten Gemeinschaften hat, erkennt man am besten, indem man vor seine Existenz bzw. vor sein modernes Erstarken zurückgeht. Sprechen wir von einer kleinen und isolierten Gemeinschaft wie einer jungsteinzeitlichen Sippe, sind ihre Ressourcen und die Möglichkeit des Bevorratens so begrenzt, dass sie und ihre Mitglieder durch äußere Zufälle und interne Konflikte in essentielle Not gestürzt werden können. Diese Not kann oft nur durch die Anwendung von Gewalt gegen die anderen Mitglieder abgewendet werden. Es gibt keine Instanz in einer solchen Gemeinschaft, die diese Lösungsstrategie unterbinden könnte. Selbst Mord kann kaum geahndet werden. Selbst körperlich überlegene Mitglieder sind diesem Risiko fast gleichermaßen ausgesetzt, da ein Einzelner seine Sicherheit nicht durchgehend organisieren kann. Aber nicht nur die tatsächlich durchgeführten Gewaltakte prägen solche Gemeinschaften. Die Möglichkeit, dass das Gegenüber der eigene Mörder ist, ergibt eine taktische Situation, die die Beziehungsmöglichkeiten stark beschränkt. In den meisten solchen Gemeinschaften gehört der Mord durch einen Angehörigen zu den häufigsten Todesursachen.

 

Kooperieren verschiedene, u.U. weit voneinander entfernte Gemeinschaften, können saisonale Engpässe ausgeglichen werden, da unterschiedliche Produktionsweisen unterschiedliche Produktionszyklen bedeuten, die gegenseitigen Konjunkturausgleich ermöglichen. Hierdurch wird auch eine weitergehende Vorratshaltung möglich. Die Beziehungen zu den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft wird entlastet, da sie nicht allein über das Wohl und Wehe des Einzelnen entscheiden.  Die verbesserte Versorgungslage ermöglicht es zudem der einzelnen Gemeinschaft, über die bloße Existenzsicherung hinausgehende Arbeiten anzuerkennen, also Kultur im weiteren Sinne zu schaffen. In dieser können die Konflikte der Gemeinschaft symbolisch bewältigt werden.

 

Die Kooperation mit entfernten Gemeinschaften ist aber vor das Problem gestellt, dass die geleistete Arbeit und die bisher dargestellten Formen ihrer Anerkennung nicht wahrgenommen werden können. Im Falle des Tauschs trifft die Anerkennung verspätet ein. Zudem versagt der direkte Tausch schon bei wenig komplexen Wirtschaftsstrukturen. Man stelle sich nur drei Dörfer vor (A,B,C), von denen jedes besitzt, was der rechte Nachbar braucht, und braucht, was der linke besitzt.  Zum einen wird es notwendig, eine Vorstellung zueinander  äquivalenter Werte zu entwickeln. Für diese braucht es Aushandlungsverfahren und Rituale des Tauschs. Bei zunehmender Komplexität braucht es anstatt des direkten Tauschs den indirekten über ein stellvertretendes Objekt - das Geld.  Der Markt ist erfunden. Und obwohl er über die  den Beziehungen in den Gemeinschaften so wesensfremden Vorstellung äquivalenter Werteinheiten funktioniert, entlastet er diese von ihrer immanenten Krisenanfälligkeit. Aber auch innerhalb der einzelnen   Gemeinschaften ist eine neue Form der Anerkennung möglich: die Bezahlung und damit die Erwerbsarbeit. Erfüllt das Geld nur seine Funktion als Tauschvermittler (über Entfernung oder bei Verzögerung) ermöglicht es einen vorher unbekannten gesellschaftlichen Frieden. Zudem treten die sonstigen Formen der Anerkennung gegenüber der des Tauschs und der Bezahlung signifikant hervor. Sie werden geradezu erst jetzt im Kontrast sichtbar.  Tatsächlich empfinden wir ja große Genugtuung, wenn wir auf die Frage, was jemand uns schuldig sei, antworten können, dass er uns nicht entlohnen muss: Das geht schon in Ordnung.

 

Dass jemand das Geld, das ja in der Regel aus nutzlosem Material wie Gold, Schnecken oder Bernstein  besteht, gegen weitere Ware eintauschen kann, braucht mächtige Institutionen, die dies im Zweifel durchsetzen können. Diese müssen auch andere für den Handel notwendige Normen durchsetzen können. Sie müssen über den einzelnen vom Markt umfassten Gemeinschaften stehen. Damit ist aber der Einzelne nicht mehr in seiner taktischen Situation allein auf sich gestellt. Seine Sicherheit ist eben auch Bestandteil der Ordnung, die die Markttätigkeiten absichert. Damit schwindet die Notwendigkeit des individuellen Präventivschlags. Der Staat ist gegründet. Das der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, verfehlt bestimmt sein Wesen. Aber das vorzivilisatorische Prekariat machte ihn allzu leicht dazu.

 

Die Frage ist, inwieweit die staatlichen Institutionen ihre internen Zwecke, also die Vorteilsnahme ihrer Vertreter gemäß den internen Beziehungen,  ihrer Funktion unterordnen. In ihnen und ihnen gegenüber arbeiten ja Menschen. Der Leviathan ermöglicht seinen Bürgern eine zuträgliche Nachbarschaft. Dafür muss er den Handel schützen und eine allen zugängliche Infrastruktur herstellen. Da aber der Handel nur dann zur allgemeinen Wohlfahrt beiträgt, wenn die vielen vom Markt umschlossenen Gemeinschaften und Individuen ähnlich vermögend sind, bedeutet den Handel zu schützen gleichermaßen für den Ausgleich zwischen den Vermögen Sorge zu tragen. Dies ist eine moralische Notwendigkeit, aber auch eine wirtschaftliche, wie ich im Kapitel Wohlstand und Reichtum zu zeigen versuche.

 

In jeder Gemeinschaft und erst recht in der die Gemeinschaften umfassenden Gesellschaft ist die zentrale Frage, ob diese sich erhalten können, indem sie jedem Arbeitenden die ihm zustehende Anerkennung bzw. Bezahlung zukommen lassen können. Haben Einzelne oder Gruppen den Eindruck, dass ihnen solche Anerkennung vorenthalten wird, ersetzen sie das Prinzip Verantwortung durch Ideologien des Kampfes. Dabei muss der Grund des Kampfes in der Ideologie nicht ausgesprochen werden. Menschen wenden sich eben nicht rechten Ideologien zu, weil sie von Begleiterscheinungen der Migration überfordert sind. Diese Ideologien sind vielmehr die indirekte Folge ihrer Ausgemeindung aus der Wohlstandsentwicklung. Religiöser Fundamentalismus ist keine Antwort auf die Unwägbarkeiten einer offenen Gesellschaft. Sie ist die Ideologie derer, die alle Emanzipationsbewegungen ihrer Gemeinschaften haben scheitern sehen.

 

Die Währung Anerkennung setzt aber die Existenz einer Gemeinschaft voraus. Nur in ihr sind Gerechtigkeit und Fairness überhaupt formulierbar.  Damit ist diesen die Bereitschaft Verantwortung zu übernehmen vorausgesetzt.  Verantwortung beruht aber auf den positiven Formen der Ungerechtigkeit: Großmut, Nachsicht, Gnade … Unsere ökonomische Verfassung muss dem  Einzelnen so reichlich und sicher mit dem Notwendigen ausstatten, dass er diesen Überschwang zeigen kann. Diese Absicherung wird durch den Tausch von Äquivalenten vollzogen. Dieser muss so auskömmlich sein, dass die anderen Formen der Anerkennung für den Einzelnen mindestens gleichwertig zu  jenem Nutzen erscheinen. Eine ideelle Anerkennung bei gleichzeitiger Verknappung von essentiellen Ressourcen wirkt naturgemäß höhnisch. Erst bei angemessener Bezahlung kann ein Dankesschreiben des Chefs zum Dienstjubiläum als Würdigung meiner Tätigkeit interpretiert werden. Aschenputtel wurde zusätzlich schäbig behandelt, aber eben auch auf niedere Tätigkeiten festgelegt und vom Wohlstand ihrer Familie ausgeschlossen. Man stelle sich vor, letzteres wäre in einer neuen Version des Märchens immer noch so, aber die übrigen Familienmitglieder pflegten davon absehend einen äußerst freundlichen Kommunikationsstil!

 

Die Sorge des Menschen um den Menschen bezieht sich auf einen wesenhaft anderen, prototypisch in einem asymmetrischen Verhältnis. Arbeit zielt also darauf ab, dieses Ungleichgewicht aufzuheben. Durch die Arbeit der Einzelnen sollen die Ungleichen gleichberechtigt und in ihren individuellen Bedürfnissen anerkannt werden. Insbesondere in kleinen Gemeinschaften wie z.B. Familien muss diese Arbeit ohne die Erwartung direkter Gegenleistung geleistet werden. Der diese Gemeinschaften umgebende Markt versorgt sie mit den nötigen Ressourcen. Hierfür installiert er die Fiktion äquivalenten Tauschs. Diese Fiktion setzt eine Begrenzung der Ungleichheit der Vermögen der  teilnehmenden  Individuen voraus.