Bislang habe ich einfach von den Gemeinschaftsgüter gesprochen, obwohl ich schon von unterschiedlichsten Gemeinschaften sprach. Hier ist also eine entsprechende Verallgemeinerung notwendig, von der dann jene spezielle Verwendung abgegrenzt werden kann. Ein Gemeingut ist ein Gegenstand der einer Gemeinschaft und ihren Mitgliedern zu freier Verwendung zur Verfügung steht.  So gesehen ist auch der Küchentisch in meiner Wohnung ein Gemeinschaftsgut - nämlich meiner Familie. Solche Gemeinschaftsgüter konkretisieren den sozialen Raum, in dem die Gemeinschaftsmitglieder den Beziehungen Gestalt geben, die die Gemeinschaft bilden. So ist meine Familie unter anderem der Personenkreis, der sich regelmäßig am Küchentisch trifft. Die meisten Gemeinschaften haben solche Güter in ganz physischer Form.

 

Um sich in einem sozialen Raum bewegen zu können, braucht es solche Gemeinschaftsgüter. Unvorstellbar, wie sich mein Leben änderte, wenn das Treppenhaus in meinem Wohnhaus aufgeteilt und dem Privatbesitz der einzelnen Wohnungseigentümer zugeschlagen würde! Ich müsste meine Höhenangst überwinden und mir eine Strickleiter kaufen. Um meine Nachbarn zu sprechen,  müsste ich so auf den Bürgersteig hinabsteigen und auch sie herabrufen - vorausgesetzt niemand wäre auf die Idee gekommen, den Bürgersteig zu parzellieren.

 

Kommunismus  bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch sowohl eine utopische  Gesellschaftsform als auch eine Ideologie, die sich deren Verwirklichung verschrieben hat. Diese Ideologie behauptet auch, dass diese Gesellschaftsform am Anfang aller Entwicklungen stehe. Die Primitiven müssen also demnach Kommunisten gewesen sein. Nach einem für alle kulturellen Entwicklungen verbindlichen dialektischen Prozess wird die Menschheit zu einem umfassenden und hochentwickelten Kommunismus kommen, womit die Menschheitsgeschichte abgeschlossen sei. Eine wichtige Quelle ideologischer Rechtfertigung besteht einfach darin, dass dann der Mensch seiner Natur gemäß leben könne, ohne den Segnungen der Zivilisation entsagen zu müssen.

 

Es ist hierbei durchaus von Bedeutung, ein solches Geschichtsmodell empirisch zu überprüfen, auch wenn mir das hier nur exemplarisch und nur im Rückgriff auf Literatur ("Trügerische Paradiese" von Robert r. Edgerton, Hamburg 1994) möglich ist. Das Buch zieht auch die Plausibilität dialektischer Geschichtsmodelle insgesamt in Frage, dazu später mehr.

 

Ich erinnere mich an folgende Szene, die sich in meinem Leben häufig in Variation wiederholt: Ich bin mit meinen Kindern wandern. Unterwegs entdecken wir ein Blaubeerfeld im Wald. Sofort werden die Stullendosen gelöscht, um diese mit der einzubringenden Ernte zu füllen. Der Großteil der Ernte wird eingepackt, ein weiterer gewaschen und sofort verspeist. Mit dieser zeremoniellen Verköstigung fahren wir auch fort, nachdem wir uns wieder auf den Weg gemacht haben, schon um vor anderen Wandrern mit unserem Fund anzugeben, wohlwissend, dass diese dadurch einen guten Hinweis auf die Fundstelle erhalten. Bei solchen Gelegenheiten begegneten wir manchmal Förstern, Bergbauern und Beamten jedwelcher Art. Wir wurden allerdings noch nie für die Aneignung der Beeren, Pilze und Früchte zur Rechenschaft gezogen. Uns wurde die Ernte auch noch nie von Wegelagerern abgenommen oder gar geraubt. Tatsächlich könnte man einen solchen Räuber anzeigen und er hätte eine Strafe zu erwarten, die stärker von den von ihm angewandten Mitteln abhängt, als vom Wert der Beute. Das Ernten für den Eigenbedarf ist wie der Waldspaziergang ein Jedermannsrecht. Solche Jedermannsrecht sind in verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich ausgeprägt. Die Schweden sind so stolz auf ihre umfassende Auffassung, dass sie diese in Integrationskursen an Migranten vermitteln, samt den nötigen Fachkenntnissen über die Wildfrüchte, Beeren und Pilze.

 

Eine ähnliche Szene ist in Naturvölkern Alltag. Eine kleine Gruppe hat eine ergiebige Nahrungsquelle gefunden. Jetzt wird geerntet, um dann ins Dorf zurückzukehren. Handelt es sich bei der Gruppe um Frauen des Sironio-Stammes im Amazonasbecken, würde die Szene wie folgt abweichen: die Frauen essen möglichst viel von der gefundenen Nahrung, einen weiteren teil versteckt jede, z.B. in ihrer Vagina , der letzte Teil wird offen ins Dorf gebracht. Dort wird ihnen dieser von den Männern gewaltsam  abgenommen. Gemeinschaftliche Mahlzeiten sind nicht üblich. Den Urwald hier als urkommunistischen Gemeinschaftsbesitz zu qualifizieren, kann man nur als Farce bezeichnen, da es keinerlei Rechte der Einzelnen, insbesondere der Frauen, in Bezug auf die natürlichen Ressourcen gibt. Die Ressourcen sind damit eben nicht im Gemeinschaftsbesitz, vielmehr existieren hier Besitzrechte gar nicht. Diese Abwesenheit von uns selbstverständlichen Rechten ist gerade unter kleinen Naturvolkgemeinschaften weit verbreitet.

 

Interessant ist aber viel mehr, unter welchen umständen Gemeinschaftsbesitz eingerichtet wird. Bei den Irokesen versorgte der einzelne Jäger zuerst seine Familie. Was diese nicht gleich verzehren konnte, gab sie an das Langhaus weiter, wo meist Frauen die Nahrungsmittel konservierten. In Notzeiten, z.B. im Winter, entschieden die älteren Frauen, wie die Vorräte in der Gemeinschaft aufzuteilen seien. Die Vorräte waren also Gemeinschaftsbesitz. Interessant ist hierbei, dass dieser Gemeinschaftsbesitz die Existenz verschiedener Institutionen voraussetzt. Über das Langhaus hinaus mussten solche existieren, die es vor nicht autorisiertem Zugriff schützten. Zweitens beruht die Funktionsweise auf Arbeitsteilung, von der die zwischen Sammlerinnen, Jägern und Konservatorinnen nur die hier offensichtlichsten sind.

 

Nach meinem Überblick würden sich diese beiden Punkte aus der ethnografischen Literatur reichhaltig belegen lassen. Gemeinschaftsbesitz setzt zum einen die Existenz gesellschaftlicher Institutionen und damit Hierarchien voraus. Zum anderen ist eine wichtige Voraussetzung eine auf diese Institutionen abgestimmte Arbeitsteilung. Beides widerspricht der marxistischen Theorie grundsätzlich.

 

In komplexen Gesellschaften ist Gemeinschaftsbesitz oft mit anderen Nutzungsformen verquickt. So wird jener Wald mit seinen Blaubeerfeldern vielleicht noch von Forstunternehmern genutzt, die vom Forstamt limitierte, dafür aber exklusive Rechte haben Holz zu schlagen. Da städtische Gemeinschaften Mobilität für ein Grundrecht halten, subventionieren sie öffentliche Verkehrsmittel. Dort, wo sie es nicht tun, kollabiert häufig der Verkehr.

 

Gemeinschaftsbesitz scheint also ein Kennzeichen komplexer Gesellschaften zu sein.

 

Das urkommunistische Idyll verführt John Holloway zu dem Bonmot, wenn wir den Kapitalismus abschaffen wollten, müssten wir bloß bis zu seinem Zusammenbruch im Bett bleiben. Es wäre ein interessantes Experiment, ob nach den dabei zu erwartenden Wirtschaftskrisen der Urkommunismus reinkarnieren würde! Würde der Förster der Aufforderung nachkommen, würde dieser Gemeinschaftsbesitz unbenutzbar werden.

 

Dieser Widerspruch zur trivialisierten marxistischen Theorie, bedeutet keineswegs, dass ich Gemeinschaftsbesitz ablehne. Im Gegenteil halte ich einen ausreichend großen und vielfältigen Gemeinschaftsbesitz für Voraussetzungen gesellschaftlicher Kommunikation und damit des gesellschaftlichen Friedens. Seine positiven Folgen strahlen in die Privatwirtschaft aus und tragen nicht zuletzt zum Glück der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder bei. An sich kann sich eine Gruppe Gemeinschaft nennen, insoweit sie Gemeinschaftsbesitz hat. Dieser wird zwar gemeinschaftlich ausgestattet bzw. in modernen Gesellschaften finanziert. Zwischen der Kostenbeteiligung des Einzelnen und seiner Nutzung des Gemeinschaftseigentums besteht aber keine ursächliche Relation. Der Grund für die Vergemeinschaftung kann also nicht in individuellen Kosten-Nutzen-Rechnungen liegen. Vielmehr muss eine gelungene Vergemeinschaftung eine Gemeinschaft stiften, mit der sich der überwiegende Teil der Gesellschaftsmitglieder identifizieren kann. Dazu haben diese Einrichtungen meist mehr Funktionen als die ihnen bei der Gründung zugeschriebenen. Der Gemeinschaftsbesitz hat eine materielle Grundlage, z.B. einen konkreten Wald. Wichtiger ist aber, dass die Gemeinschaft in Bezug auf diese materielle Grundlage soziale Beziehungen erschafft und reguliert, die einen bestimmten Umgang mit dem Gemeingut verwirklichen.

 

Ein gutes Beispiel dafür sind die Bürgersteige. Als Fußgänger darf ich sie benutzen, auch wenn ich keine Steuern zahle, z.B. als Tourist oder als Kind. Wären sie im Privatbesitz, würde dies ihre Funktion schmälern. Diese ist übrigens komplex und umfasst mehr als  die Ermöglichung der Fortbewegung. Vom Bürgersteig aus sehe ich auch z.B. die Auslagen der Geschäfte, wovon die Privatwirtschaft profitiert. Ich treffe auch den ein oder anderen Nachbarn, wobei manches mal eine kostenfreie Dienstleistung  für den einen oder anderen abfällt. Schwer vorstellbar, dass ein Fußgänger an jeder Straßenecke eine Gebühr zahlen müsste. Schon die Einrichtungen  zur Einnahme dieses Gelds würden teurer sein als der Unterhalt des Wegenetzes. Der Fußgänger käme auch nur stockend voran.

 

Diese Fiktion erscheint lächerlich. Tatsächlich wurden aber während des Booms der public-private-partnerships z.b. Autobahnen privatisiert. Die Betreiber lassen sich langjährige  wirtschaftliche Nutzungsrechte zusichern. Die Straße aus ihren Einnahmen unterhalten müssen sie im Grunde nicht, da das Gemeinwesen gerade bei großen Verkehrsadern so auf den Verkehrsfluss angewiesen ist, dass es bzgl. der Instandsetzung erpressbar ist. In der Öffentlichkeit wird das Ergebnis dieser Erpressung als wirtschaftsfreundlicher Kompromiss dargestellt. Eigentlich ist diese Art des Outsourcings von Gemeinschaftsaufgaben eine verdeckte Kreditaufnahme abgesegnet durch die jeweilige Regierung an der parlamentarischen und bürgerlichen  Kontrolle vorbei. Meist werden dabei die Nutzungsrechte auch auf einen die Wahlperiode bei weitem übersteigenden Zeitraum vertraglich zugesichert. Damit findet hier auch eine nachhaltige Entdemokratisierung statt.

 

Ich stelle mir gerade einen großen Stadtpark wie das Tempelhofer Feld in Berlin vor. Nun könnte ein Freund der sogenannten Privatwirtschaft auf die Idee kommen, das riesige Feld so zu parzellieren, dass  jeder regelmäßige Nutzer eine Parzelle bekommt. Hegt dann jeder Besitzer seine Parzelle ein, ist nicht einmal mehr Drachensteigen möglich, von raumgreifenden Spielen ganz zu schweigen. In dem großen Park kann ich aber auch an der Kreativität anderer Nutzer ungezwungen teilhaben. Damit ist eine Allmende auch ein Raum gemeinschaftlicher Kommunikation. Diese Kommunikationsgemeinschaft kann dabei völlig quer zu anderen gesellschaftlichen Unterscheidungen wie Herkunft, Gehalt und Vermögen oder Kultur legen, gerade weil es keinen Zusammenhang zwischen Kostenbeteiligung und Nutzung gibt.

 

Allmenden können auch funktionieren, obwohl in ihnen Privatwirtschaft stattfindet. Das Beispiel der Forste zeigt, dass sich beides nicht stört. Die Förstereien bewirtschaften die Wälder durch Holzwirtschaft, Jagdpachten etc. gleichzeitig dürfen aber alle den Wald zur Freizeitgestaltung nutzen und darüber hinaus für den Privatgebrauch darin Beeren, Pilze und ähnliches ernten.

 

Der kommunikative Aspekt der Allmenden legt es nahe, den Begriff auf nicht-topographische Zusammenhänge zu übertragen. So ist Wikipedia eine Wissens-Allmende. Gerade diese Besonderheit macht Wikipedia inzwischen den privatwirtschaftlichen Lexika überlegen, da diese ihr Wissen vor der Veröffentlichung eifersüchtig hüten müssen und das Erstellen  dieses Wissens einer Kostenminimierung unterwerfen müssen. Wikipedia unterhält sein Lexikon durch Spenden und lässt es durch freiwillige Autoren schreiben, die sich gegenseitig überprüfen. Sie schreiben übrigens ohne direkten  monetären Eigennutz.

 

Diese Differenz besteht auch für viele ältere Institutionen. So ergibt Rechtssicherheit nur einen Sinn, insoweit sie für alle Mitglieder einer Gesellschaft gilt, ohne dass im Einzelfall nach dem Beitrag des Betroffenen zum Unterhalt der notwendigen Institutionen (Parlamente, Gerichte, Polizei …) gefragt wird. Auch für die Bildung zeigt sich, dass das Bildungsniveau ein derartiger Standortvorteil ist, dass es keinen Sinn ergibt, die Bildungschancen direkt an Beiträge zum Schulsystem zu koppeln. Staaten die dies doch tun, schaden dem Bildungsniveau derart, dass sie sich ständig Fachkräfte aus bildungspolitisch rationalen Staaten hinzukaufen müssen. Aber auch Versuche, den Bildungsauftrag über die Zahlung staatlicher Gelder an Privatfirmen zu delegieren, muss das System in tiefe Widersprüche stürzen. Die Qualitätssicherung steuert in einem solchen System immer Paradoxien an. Dotiert man Bildungsanbieter nach Durchschnittsnoten der Abschlüsse, werden die Anbieter versuchen, wenig aussichtsreiche Schüler abzuweisen. Belohnt man die Aufnahme solcher Schüler, werden Schulen diese z.B. in Eingangstests schlechtrechnen. Schon von den relativ wenigen Privatschulen im deutschen Schulsystem, neigen viele dazu, ein heimliches Curriculum zu installieren, dass bestimmte gesellschaftliche Gruppen zugunsten der Zielgruppe vom Besuch der betreffenden Schule abhält. So wird von vielen Eltern in meiner Umgebung ein christliches Attribut im Schulnamen eher als nicht-muslimisch gelesen. Eine Musikbetonung soll dazu gut sein, bildungsferne Schichten vom Besuch einer bestimmten Schule abzuhalten. Die Liste ließe sich fortsetzen. Versuche dazu gibt es auch unter den Elternschaften öffentlicher Schulen. Glücklicherweise sind sie aber durch unser Schulrecht weitgehend zum Scheitern verurteilt. Der gesellschaftliche Friede hängt u.a. davon ab, inwieweit die jeweilige Gemeinschaft Institutionen unterhält, die Güter zur allgemeinen Nutzung bereitstellen, die die Chancengleichheit aller begünstigen.

 

Viele Gemeinschaftseinrichtungen haben eine positive Wirkungen auf Privatunternehmen. So begünstigen städtische Parks nahegelegene Cafés. Gerade für die Zuwanderung junger, kreativer Arbeitskräfte spielt es eine erhebliche Rolle, ob diese eine Region für schön halten, besser ausgedrückt, ob sie die Gemeinschaftseinrichtungen für geeignet halten, eine anstrebenswerte Kultur entstehen zu lassen. Diese so genannte Schwarmjugend wurde inzwischen als Trägerin von Entwicklungspotential identifiziert.

 

Dass die Mehrzahl der Gesellschaftsmitglieder die eigene Gesellschaftsform so weit als fair, gerecht, nachhaltig und schön einschätzen, beruht auf  Gemeinschaftseinrichtungen, die auf diese Werte abzielen. Auch hier besteht zwischen der Gesellschaft und dem Einzelnen ein Bündnis: Aufgrund der Art gemeinschaftlicher Güter und ihrer Verwaltung setze ich mich für den Fortbestand dieser Gesellschaftsform ein. Dies geht über ein bloßes Tauschverhältnis hinaus. In einem solchen wäre es nicht erklärbar, warum manche Menschen für ihre Gesellschaften zu sterben bereit sind. Kosten und  Nutzen sind aber auch abgesehen von Heldentaten hier weder zähl- noch abwägbar, zumal eigener wirtschaftlicher Nutzen und  Loyalität, Schönheits- & Gerechtigkeitssinn etc. als Motive  in komplexen Gesellschaften ineinanderfließen.

 

Eine Gemeinschaft definiert sich u.a. über gemeinsamen Besitz. Diese ganz allgemeine Tatsache kann aber nicht zur Unterscheidung dienen zwischen Dingen, die in den Gemeinschafts- und solche die in Individualbesitz fallen sollten. An Bürgersteigen oder Parks sieht man aber exemplarisch, welche Eigenschaften ein Gut zum Gemeingut qualifizieren. Dieser Gemeinbesitz ist etwas anderes als wenn etwas niemandem gehört. Immer wenn sich Gemeinschaften neuen Raum erschließen, wie z.B. die Hochsee, entsteht solches Niemandsland - für das die Tragik der Allmende z.B. in Form von Überfischung und Verschmutzung deutlich wird. Zum anderen muss man den Besitz der Gemeingüter vom verrechtlichen Begriff der Besitztitel abgrenzen. Dies ist besonders wichtig zum Verständnis des Gemeinbesitzes indigener Gemeinschaften. Aber auch in reichen Gesellschaften reklamieren Menschen immer häufiger ihr Recht auf Gemeingüter ein.

 

Gemeinschaftlicher Besitz zieht aber nach sich, dass die dazugehörige Gemeinschaft ihn verwaltet und die mit ihm verbundenen Rechte definiert und schützt. Dies macht gemeinschaftliche Aushandlungsprozesse notwendig. Bei diesen formuliert eine Gemeinschaft enpassant Werte und Normen.  Dies geschieht erstens , indem geprüft wird, welche Güter durch welches Gemeinschaftsgut wem zugänglich gemacht werden sollen. Zweitens werden Regeln der Nutzung ausgehandelt. Drittens bilden die verschiedenen Gemeinschaftsgüter einen komplexen Raum, in dem sich die Gemeinschaftsmitglieder treffen und kommunizieren. Diese Prozesse haben für den Einzelnen einen hohen Wert, sie sind neben anderen kulturstiftend. Eine echte Kommunikation setzt aber die Unterschiedlichkeit und Autonomie ihrer Teilnehmer voraus. Dies erteilt Verabsolutierungstendenzen der Vergemeinschaftungen eine Absage.

 

Wenn  z.b. emotionale und erotische Beziehungen unter dem Vorwand ihrer Vergemeinschaftung ihrer Exklusivität beraubt werden, wie in manchen Sozialexperimenten der 60er und 70er des vorigen Jahrhunderts, verlieren sie mit ihrer Signifikanz gerade ihre gemeinschaftsbildende Funktion. Selbst Gemeinschaften , deren Mitglieder einer solchen radikalen Vergemeinschaftung theoretisch zustimmen, müssen sehr bald die konkret Betroffenen mit Gewalt zur Einhaltung der Norm zwingen. Diese Gewalt bestand oft in institutionalisierten Vergewaltigungen und der gewaltsamen Trennung der Kinder von den Eltern. Tragisch ist daran, dass selbst der Zusammenbruch solcher Gemeinschaften viele ihrer Veteranen nicht zu einer grundsätzlichen Überprüfung der inhumanen Ideologien führt, selbst dann nicht, wenn sie mit den berechtigten Vorwürfen ihrer Kinder konfrontiert werden. Ein Individuum ist Teil verschiedener sich überschneidender und sich umfassender Gemeinschaften. Und in all diesen muss es auch als eigenständiges Subjekt angenommen werden, gleich wie viele Determinanten seinem Handeln einschreibt. Und damit bleiben ihm Selbstbestimmungsrechte, die ohne einen wie auch immer begrenzten Privatbesitz keinen Raum erhalten.

 

Individuen  haben das Bedürfnis, dass ihre Lebensäußerungen nicht vollständig Ergebnis gemeinschaftlicher Aushandlungsprozesse sind. Mehr noch: unsere Lebensäußerungen sollen nicht vollständig und für alle sichtbar sein. Dies heißt nicht, dass eine Opposition zu gemeinsamen Normen bezogen wird. Individuen streben nach Autonomie. Diese ist aber gar kein Gegensatz zur Gemeinschaftlichkeit. Vielmehr ist die aus der Autonomie der Einzelnen folgende Vielfalt den Aushandlungsprozessen förderlich. Das Gemeinschaftliche und das Private stehen somit in sich befruchtender Konkurrenz einander gegenüber. Die Autonomie des Individuums hat aber u.a. in seinem individuellen Besitz seine Grundlage.

 

 Eine Einhegung ist nicht das Ende allen Gemeinschaftsgeistes. Die Einhegungen, die als beleg für die generelle Ungerechtigkeit des  Besitzes  von Grund und Boden  dienen sollen, begünstigten in unrechtmäßiger weise spezielle Gruppen, vor allem den Adel. Gemeinbesitz anderer Funktion, wie z.B. das Straßennetz, wurden davon nicht berührt. Für England ist dieser Prozess der Auflösung der Almenden gut  dokumentiert. Wäre es bei der Parzellierung verteilungsgerecht zugegangen, hätte sie kein Leid historischen Ausmaßes ausgelöst. Mehr noch: die  Kleinbauern hätten von ihrem Surplus diesen oder jenen neuen Gemeinschaftsbesitz finanziert.

 

Hätten die Verwalter des Langhauses den Sammlerinnen und Jägern der Irokesen am Dorfeingang alles abgenommen, um ihnen dann eine vereinbarte Ration zuzuteilen, hätte dies wahrscheinlich sehr bald zur Rebellion geführt. Der Mensch erlebt gerne einen Zusammenhang zwischen seinen Handlungen und ihren Folgen, die sog. Selbstwirksamkeit. Diese kann in verschiedenster Form spürbar werden: In der Jagdbeute und ihrem Verzehr, in der Anerkennung durch die Gruppe, im Sicherheitsgefühl beim Anblick der Vorräte, in der Sinnstiftung durch die Einbettung in die Gemeinschaft. Ein allumfassender Kommunismus würde diesen Zusammenhang aber kappen. Die meisten Menschen würden sich dem verweigern bzw. ein so geartetes System betrügen. Dafür ist gar nicht Habgier der Grund, sondern eben dieses Bedürfnis der Selbstwirksamkeit.

 

Als kommunistische Gesellschaften werden auch die Gesellschaften vor jeder Einhegung angesehen, die sogenannten Naturvölker. Diese werden in rosseauscher  Tradition verklärt, da alle Gründe, die einen modernen Menschen zu Verbrechen und sogar Mord verleiten,  für diese Gemeinschaften ja per Definition entfallen. Tatsächlich zeigen unvoreingenommene ethnologische Studien exakt das gegenteilige Bild. Die Ressourcen von Naturvölkern sind und waren so unsicher, dass viele indigene Völkers keine Institutionen ausbildeten, um den Einzelnen vor Verbrechen anderer oder sogar gemeinschaftlichen Übergriffen zu schützen. Die natürliche Umgebung eines Naturvolks als Gemeinschaftsbesitz zu interpretieren ist eine Rückwärtsprojektion. Der Einzelne kann keinen Anspruch auf irgendwelche Nutzungsrechte erheben. Sein Zugang hängt entweder vom Wohlwollen seiner Gruppe oder seiner individuellen Überlegenheit ab. Natürlich gibt es auch indigene Gemeinschaften, die dieses Wohlwollen institutionalisieren.

 

Aus dieser Ausgangslage zu schließen, dass die europäische Kultur den Auftrag habe, den indigenen Völkern das Licht der Aufklärung und Zivilisation zu bringen, würde einen rassistischen Kurzschluss bedeuten. Die ökonomische Ausbeutung durch Kolonialmächte und der kulturelle Identitätsverlust sind nur neue Unrechtsakte, die man kaum gegen einen davor liegenden, in vielen Fällen rechtlosen Zustand abwägen kann. Vielmehr muss unser globales Wirtschaften so fair gestaltet sein, dass es allen Gemeinschaften eine autonome Entwicklung möglich macht und abverlangt, die die Rechte des Einzelnen als Grundlage gegenseitiger Sorge sicherstellt. Die Modelle, die verschiedene Kulturen dazu entwickeln, können ganz unterschiedlich sein. 

 

Nebenbei bemerkt ist die europäische Kultur nicht die einzige, die hochorganisierte Gesellschaften hervorgebracht hat, die an sich selbst, d.h. an ihre Institutionen, moralische Maßstäbe anlegen konnten. Und diese Entwicklung ist zu keinem Zeitpunkt widerspruchsfrei. Kommunismus muss aber nicht als das radikale Gegenbild gesehen, wahlweise Schreckensbild oder Heilserwartung. Gemeinschaftsbesitz ist eine Voraussetzung für viele Modernisierungsprozesse. Ohne ihn fällt Humanität falsch verstandener Optimierung zum Opfer. Der Liberalismus sieht seine Hauptaufgabe allzu oft in der Verfemung des Kommunismus um von dieser  Position den Ausverkauf der Gemeinschaftsgüter zu fordern. Darin wird geradezu die Befreiung des Privaten aus staatlicher Bevormundung gesehen. Es ergibt sich aber im besten Fall nur die Befreiung der Stärkeren. Die Zerstörung der Gemeinschaftsgüter führt aber früher oder später in den Bürgerkrieg.

 

Im anderen Extrem vereinnahmt der Staat alle Gemeinschaftsgüter, eben auch die, die ursprünglich  als Teil von Privatbesitz geführt werden. Damit werden die vielen Gemeinschaften die sich umfassen, überschneiden und berühren, gleichgeschaltet. Ihr Gespräch über die Kooperation bei der Pflege der jeweiligen Güter und über die dazu notwendigen Normen zieht der Staat nun an sich.  Die Normen als immer in Arbeit befindlicher Kontrakt einer offenen Gemeinschaft werden dann abgelöst durch Normen als ein Katalog von Anweisungen als zentrale Insignie der Macht.

 

Zwischen den beiden Extremen des neoliberalen Privatismus und eines totalitären Staatssozialismus liegt kein sinnvoller Kompromiss. China beweist, dass beide Extreme in einem System vereinbar sind: Privater Reichtum für die einen und Enteignung für die anderen. Eine andere Beziehung zwischen den Gemeinschaften und ihren Mitgliedern oder Teilgemeinschaften muss entworfen werden, um diesen Widerspruch aufzuheben.