Es gab wohl lange die Redewendung, dass ein Rentner auf dem Hof eine Milchkuh ersetze. Nun scheint dies kein Beispiel ausnehmender  Höflichkeit zu sein, aber im ländlichen Raum schienen Gemeinschaften die Anwesenheit von Rentnern zu schätzen.  Da diese Wertschätzung Eingang in ein Sprichwort gefunden hat, scheint diese wohl  so paradigmatisch wie verlässlich gewesen zu sein. Nun zugegeben, sie beruht auf einem einfachen Rechenexempel, in dem Rente minus Eigenbedarf des Rentners gegen Reingewinn der Milchkuh gegengerechnet wird. Was dem Verhältnis zur wertgeschätzten Generation hier fehlt ist die Gegenseitigkeit. Dafür sieht die ländliche Gemeinschaft im Rentner eine Quelle wirtschaftlicher Potenz. 

 

Ein ähnliches Verhältnis haben alle Gemeinschaften zu Mitgliedern, die als ausgezeichnete Quelle gesellschaftlichen Wohlstands angesehen werden.  Hieran ändert die Tatsache, dass sie darin oft irren, nur wenig. Dass die Politik als Vertreterin von Gemeinschaftsinteressen Lobbyisten so beharrlich Geschenke macht und deren Interessen oft mehrfach in Gesetzgebungsverfahren einflicht, zeugt von einer ähnlich motivierten Liebe wie in obiger Redewendung. Ich will aber keine Liebe wegen womöglich irdischer Motivation an den Pranger stellen. Der Skandal ist vielmehr, dass eine solche Liebe in Gesellschaften mit großer ökonomischer Ungleichheit die Reichen so viel stärker meint als die Armen. Indem der Einzelne aber ein Einkommen bezieht und ein Vermögen besitzt, entdeckt seine Gemeinschaft auf vielfältige Weise, wie sehr sie seine Anwesenheit schätzt. Sie wird diese Liebe dadurch ausdrücken, dass sie ihn fortwährend zu überzeugen sucht, zu bleiben. Wenn diese Eigenschaften aber zunehmend auf alle Gemeinschaftsmitglieder zutreffen, muss die Gemeinschaft jedem Mitglied die Vorteile des Bleibens vor Augen führen.  Aber wie kann sie das tun?

 

Allein schon, wenn Gemeinschaften und ihre Funktionsträger sich diese Frage in allen möglichen Lagen stellen, ändern sich die Politiken der Gemeinschaft grundlegend. Nun könnte sie ihre Mitglieder einsperren, was manch ein Staat tat und manch einer tut. Die Mauer hat aber ebenso  negative wirtschaftliche Folgen, wie dass sie die Identifikation aller mit ihrer Gemeinschaft erodiert. Ansonsten kann eine Gemeinschaft eine Loyalität ausbilden, die sich tatsächlich auf jedes einzelne Mitglied bezieht. Diese würde sich aber in der Zersplitterung ihres Adressaten überfordern. Daher würde in den verschiedensten Belangen eine Fiktion des Individuums generalisiert, die der Verwirklichung der Loyalität eingeschrieben würde. Da die Lösungen aber all den Vorbildern dieser Fiktion gälten, müssen sie in entsprechenden Gemeinschaftsgütern ihren Ausdruck finden. Auch jetzt existieren schon solche Fiktionen - insbesondere für Individuen und Gruppen, denen besondere wirtschaftliche Relevanz zugeschrieben wird. Dabei sind diese Fiktionen aber nicht ganzheitlich, indem sie den ganzen Menschen hinter dieser wirtschaftlichen Relevanz meinten. Vielmehr abstrahieren sie einen Typus - den Unternehmer, den Innovator oder ähnliche mehr - und fügen ihn zu einem Charakter zusammen, dem seine Bedürfnisse aus seiner wirtschaftlichen Bedeutung abgeleitet werden. Wir lieben z.B. unsere Unternehmer, indem wir ein ihren Unternehmungen eine gute Infrastruktur bauen und ein  unternehmerfreundliches Klima anstreben.

 

In einer offenen Gemeinschaft wird die Macht so verteilt, dass jedes Mitglied in diesem Sinn relevant wird. Damit hat jedes Mitglied an den unterschiedlichsten politischen und wirtschaftlichen Rollen teil, so dass für diese verschiedenen Aspekte seiner gesellschaftlichen Identität jeweils Gemeinschaftsgüter entworfen werden müssen, die die Ausübung dieser Rollen fördern und erleichtern. In diesem Prozess werden fortwährend Normen gesetzt, gepflegt und überarbeitet. Diese sind aber keine zentrale Setzung nach denen der Einzelne sanktioniert wird wie in der chinesischen Vision der Gemeinwohlwirtschaft, die der Vatikan als seiner Soziallehre entsprechend adelt. (Dieses öffentliche Lob zeigt, dass sich hier zwei moralische Systeme wiedererkennen, die ihre Normen losgelöst von den Mitgliedern ihrer Gemeinschaft setzen, um diese dann danach abzuurteilen oder - pädagogisch moderner - zu gratifizieren.) In einer offenen Gemeinschaft müssen diese Normen aus den Verhandlungen der relevanten gesellschaftlichen  Akteure und deren notwendigen Voraussetzungen  abgeleitet werden.

 

Ist der Einzelne mit ausreichend wirtschaftlicher Macht ausgestattet, wird er diese zur Befriedigung seiner verschiedensten Bedürfnisse einsetzen, worunter ein wesentliches ist, Gutes zu tun. Ich muss diesen Satz in seiner Naivität stehen lassen, bevor ich seine Folgen abwäge. Die Folge für die Gemeinschaft ist, dass ihre Vertreter und Institutionen es mit den verschiedensten Vorstellungen des Guten zu tun bekommen. Diese müssen sie moderieren und ebenso in die Gestaltung der Gemeinschaftsgüter einbeziehen wie die verschiedenen wirtschaftlichen Rollen. Hierarchien beziehen in offenen Gemeinschaften damit ihre ganze  Berechtigung nur aus diesen Moderationserfordernissen, sind nicht mehr als Kommunikationsstrukturen. Die zentralen Normen beziehen sie aus den notwendigen Voraussetzungen einer offenen Kommunikation.

 

Eine Gesellschaft tut gut daran, ihre Mitglieder fortwährend mit politischer und wirtschaftlicher Macht auszustatten, damit sie in ihnen sich selbst liebt, auch wenn oder gerade weil  diese Liebe ganz irdische Motive hat. In dieser Wechselseitigkeit wird eine Gesellschaft zu einer offenen Gemeinschaft.