Inzwischen gibt es verschiedenste Modelle des Bedingungslosen Grundeinkommens. Sie alle haben gemeinsam, den Konsum des Einzelnen von seiner Arbeit zu entkoppeln, da die fortschreitende Rationalisierung produktive Arbeit erübrigen würde. Ich will das bedingungslose Grundeinkommen als ein Mittel spezifischer Ressourcenteilhabe in einer offenen Gemeinschaft konzipieren. Von hier aus will ich abmessen, ob wir uns in einer offenen Gemeinschaft tatsächlich aus der Arbeit verabschieden müssten oder ob sich die Arbeit im Sinne eines solchen Gemeinschaftsideals transformieren würde.

 

Das bedingungslose Grundeinkommen sichert jedem Mitglied einer Gemeinschaft die mindesten Mittel zum Konsum - unabhängig von seiner individuellen Produktivität. Im Sinne einer Ressourcenteilhabe müsste es also aus dem Konsum finanziert werden. Am einfachsten geht dies über die Mehrwertsteuer, mit deren Erhebung unser Gemeinwesen ja schon Erfahrungen hat. Damit entspräche die Finanzierung des Grundeinkommens dem geforderten zehnten aus den heiligen Schriften. Dieses Modell transformiert also die Großzügigkeit als Tugend Einzelner in eine strukturelle Eigenschaft einer Gemeinschaft.

 

Am unbürokratischsten erscheint mir das Grundeinkommen schlicht an jeden auszuzahlen und für andere Besteuerung mit dem sonstigen Einkommen zu verrechnen. Bedarfsprüfungen und Ähnliches entfallen damit. Nach der Einkommenssteuer bleibt dann einem Einkommensstarken weniger Netto vom BGE, was sozial ausgleichend wirkt.  Ausführungen zu den Vorteile des BGE z.B. gegenüber dem bestehenden Sozialsystem gibt es schon in guter Qualität. Daher will ich darauf eingehen, wie sich dass Verhältnis des Einzelnen zur Arbeit verändern würde. Hierzu will ich aus ganz und gar rhetorischen Gründen vorerst von einem negativen Bild entfremdeter Arbeit ausgehen, obwohl dies meiner biografischen Erfahrung widerspricht. Ein solches Bild erschafft aber eine Figur, an der sich die Veränderungen nach Einführung eines solchen BGE gut demonstrieren lassen. Ein solcher Feind seiner Erwerbsarbeit würde wohl das Netto seines BGE durch seinen Stundenlohn teilen. Es kommen bei dieser Rechnung die Stunden heraus, die sich derjenige frei nehmen kann, ohne sein Einkommen zu mindern. Auch hier wären es für einen Bezieher eines niedrigen Einkommens mehr Stunden als für den eines hohen, da zum einen das Netto des BGE absolut höher ausfällt und zum anderen durch einen geringeren Stundenlohn geteilt wird. Nun geht er also um so und so viele Stunden eher nachhause. Er entflieht der Entfremdung seiner Arbeit. Da stellt sich die Frage, was ein armer Teufel tut, wenn er frei hat. Ich hoffe zeigen zu können: Nichts Böses! Fragt sich bloß, ob er deswegen schon Gutes tut.

 

Nun könnte sich der Entflohene der Rekreation hingeben. Wenn er diese in gesteigertem Maße genießen will, wird er wohl geeignete Mittel zu dieser  Qualitätssicherung einsetzen. Er kehrt also für einen kleinen Teil der gewonnenen Freiheit an seinen Arbeitsplatz zurück, um Sportgeräte, Saunabesuche, Lattenroste, Romane und ähnliches zu finanzieren. Dieser gesteigerte Konsum verschafft anderen die Möglichkeit zu arbeiten. Außerdem finanziert der Erholungsuchende so das BGE mit.  Er kann natürlich auch barfuß ausgedehnte Spaziergänge unternehmen, wodurch sein Interesse an wohlgestalteten Parks steigen würde. Er würde also zu einem besonderen Freund gepflegter Gemeinschaftsgüter. Er könnte auch verschiedene Dienstleistungen, wie Massagen, Dichterlesungen und Kammermusikkonzerte konsumieren.

 

Aber irgendwann ist es mit der Rekreation getan: Man ist austrainiert, ausgeschwitzt, ausgeschlafen und hat ausgelesen. In vielen erwacht auch in ihrer Freizeit der Wunsch nach begreifbarer Produktivität. Der Entflohene wendet sich also  Gartenarbeit,  Marmeladekochen, Nähen, Dichten und vielem anderen mehr zu. Sein Bäumchen wirft aber mehr Äpfel ab, als er auf einmal essen kann, die Marmeladengläser überfordern bald seine Küchenregale, sein Kleiderschrank ächzt und seine eigenen Gedichte kann der Dichter schwer zum halbdutzendsten Male selbst lesen. Also geht er zu seinem Nächsten und reicht dem einen guten Teil seiner Ernte hin. Ganz wahrscheinlich erhält er auch etwas entsprechendes dafür. Ein neuer Tauschhandel entsteht. Er verwandelt den produktiven Teil der rekreativen Tätigkeiten in eine neue Form der Erwerbsarbeit. Diese unterscheidet sich dadurch von der in den prototypischen Tauschbeziehungen dadurch, dass sie nicht durch den Mangel an diesem oder jenem Gut angetrieben wird, da ja schon Erwerbsarbeit und BGE diesem Mangel begegnen. Vielmehr steckt in den Produkten die Freude an der Produktivität. Diese Freude schlägt sich, wie z.B.  jeder Hobbykoch weiß, in einer signifikanten Qualität der entsprechenden Produkte nieder. Wird ein solch neuer Tauschhandel also zur Kulturtechnik, erwerben die Einzelnen neue Kenntnisse über und Maßstäbe für Produkte, die sie dann sowohl in ihrer Erwerbsarbeit als auch beim Kauf von Konsumgütern einfordern. Dies meint Marx damit, dass in einer klassenlosen Gesellschaft der Einzelne vormittags Arbeiter, mittags Schauspieler und abends Kritiker sein könne.

 

Der seiner entfremdeten Arbeit Entflohene kann auf der Suche nach sinnerfüllter Tätigkeit auf die Idee gemeinnütziger Arbeit  bei der Pflege von Gemeinschaftsgütern kommen. Dies käme auch seinem Bedürfnis nach deren Nutzung z.B. bei Barfußspaziergängen entgegen. Hier kooperiert er mit ähnlich motivierten Gemeinschaftsmitgliedern. Diese Partizipation stärkt die moralische Identität jedes Einzelnen, wie Kohlberg und Damon hinreichend belegt haben.  Zur Gestaltung des Gemeinschaftsgutes müssen die Kooperierenden moralische Prinzipien setzen, die mit ihrer Umsetzung zunehmend zu intuitiven Handlungsmotiven generalisiert werden. Mit dieser moralischen Identität kehrt das Individuum in seine Erwerbsarbeit zurück.  Inwieweit es dann noch bereit ist, Produkte nach den Maßgaben der Gewinnmaximierung anstatt nach dem Nutzen für den Verbraucher herzustellen, wie z.B. Handcremes, deren drei Hauptzutaten von Hautärzten als schädlich bis nutzlos eingestuft werden, oder Motoren die unzählige Anrainer von Straßen krank machen, ist mehr als fraglich.

 

Natürlich ist auch vorstellbar, dass ein Teil der gewonnenen Freiheit in selbstschädigendem oder kriminellem Verhalten ihren Ausdruck findet. Eine  offene Gesellschaft, die ja den ökonomischen Ausgleich zwischen ihren Mitgliedern anstrebt, ist mit ökonomisch ausgeglichenen Gesellschaften heutiger Tage zu vergleichen. Diese zeigen, wie Wilkenson und Picket deutlich belegt haben, diese Phänomene weit weniger als ungerechte Gesellschaften. Dies heißt nicht, dass selbst- und fremdschädigendes Verhalten in einer offenen Gemeinschaft unmöglich sind, sie wird auch weiterhin Institutionen brauchen, die solches Verhalten ausgleichen bzw. unterbinden. Wenn aber zu erwarten ist, dass solche Phänomene in einer offenen Gemeinschaft eher ab als zunehmen, können sie kaum als Folge einer solchen Gesellschaftsform angesehen werden.

 

Im ersten Kapitel graute mir davor, dass ein von anderen Mitteln losgelöstes BGE viele Gemeinschaftsmitglieder aus dem sozialen Zusammenhang der Arbeit ausschließen würde. In einer offenen Gemeinschaft ist aber der Einzelne Miteigner von Produktionsmitteln und als solcher wird er sich kaum selbst entlassen. Das BGE wird in einem solchen Konzert nicht den Ausstieg aus der Arbeit alimentieren, sondern  das Individuum zur Transformation der Arbeit ermächtigen. Die Maßstäbe an eine Tätigkeit die Arbeitende  jenseits der Erwerbsarbeit einüben, werden zunehmend auch an diese gestellt.